Fasnachtsaufstand im Altersheim

Stimmiger Fasnachtsgottesdienst

Am Fasnachtssonntag 11. Februar sang der Männerchor Heerbrugg rassig stimmige Gospels unter der Leitung von Karl-Heinz Riegger. Pfr. Ronald Kasper erzählte eine wunderschöne Fasnachtsgeschichte vom Basler Minu welche er als Heimwehbasler dialektisch perfekt interpretierte. Die Lacher waren auf seiner Seite! Viel Spass beim Nachlesen, wenn auch nicht ganz so baslerisch.

Erzählung «Fasnachtsaufstand im Altersheim»

Es war ein Schock! Stille. Nur das leise trommeln aus dem Nachbarhaus.  Die   alten Leute sassen regungslos an den Tischen. Heimleiterin Erika Schmid hatte Tee und Fasnachtskiechli auffahren lassen – um die bittere Pille etwas zu versüssen. Schliesslich meldete sich Max zu Wort. Er war pensionierter Lehrer. Ein Besserwisser, der allen auf die Nerven ging. Doch jetzt war seine Stimme brüchig: «Und wann müssen wir hier raus?!» Heimleiterin Erika Schmid seufzte: «Sie geben uns ein Jahr Zeit. Dann werden die Bewohner auf andere Heime  aufgeteilt!»  Und  knurrend fuhr sie fort: «Sparfaktor! Alles spart.       

     Es sei rationeller – schreibt der Chefbeamte in seinem Computerbrief. Ein Schreibtischentscheid – aber an die Betroffenen denkt kein Computerhirn!» Wieder war es still im Essraum. Nur das nervöse Wirbeln der Trommelschlegel von nebenan wurde immer lauter. Die Stimme von Max tönte plötzlich erstaunlich fest – so wie damals, als er jeweils seine Schüler zusammengestaucht hatte: «So geht das nicht,  – wir müssen uns wehren! Die können mit uns nicht einfach machen, was sie wollen...»: Erika Schmid winkte müde ab: «Glauben Sie mir Herr Tobler, ich habe alles versucht. Wir sind nur wenige – und zu schwach!» «Blödsinn», bellte Max, «wir müssen es nur richtiganstellen. Wir gehen an die Öffentlichkeit, Presse, Radio, Fernsehen. Sie alle müssen wir auf unser Problem aufmerksam machen – und sie sollen die Trommeln rühren, wie die da drüben im Cliquenkeller...» Erika Schmid lächelte nun traurig: «Gute Theorie – aber wie sollen wir das in die Praxis umsetzen? Wenn sich ein kleiner Haufen alter Menschen meldet, interessiert das keinen der Medienfritzen und...»

«Schnitzelbangg» – tönte es plötzlich aus der Ecke des Essraums. Und dann noch einmal: «Schnitzelbangg!» Die Alten schauten verwundert zu Milli Lang. Milli war die alte «Lady» (wie sie von den andern leicht naserümpfend betitelt wurde) des Heims. Auf ihrer flachen Brust funkelte eine Goldbrosche mit einem prächtigen Rubin. Sonst funkelte gar nichts mehr. Stets sonderte sie sich von den übrigen Bewohnern ab. Milli Lang fuhr im Rollstuhl ihre eigenen Wege. Und hatte für kaum jemanden ein Wort. Seit 30 Jahren konnte sie nicht mehr gehen. Früher hatte sie in einer Villa gelebt. Ihr Mann hatte das Geld verspekuliert. Und sich dann aus Kummer ins Grab gesoffen. Milli kam ins Heim – hatte hier aber keine Freunde. Und wollte auch keine. Sie sprach mit niemandem ein Wort.

Aber jetzt: «Schnitzelbangg!» Alle schauten elektrisiert zu der Frau im Rollstuhl. Sie richtete sich bolzengerade auf: „Wir müssen als Schnitzelbangg-Gruppe mit Versen auf unsere Situation aufmerksam machen. Dafür ist die Fasnacht da – um die Schwachen zu stärken. Und auf Missstände hinzuweisen. In drei Wochen ist Morgestraich – ich finde, der alte Lehrer hat Recht. Wir müssen uns wehren und die Fasnacht hilft uns dabei.“ - Plötzlich ging ein Raunen durch die Menge. Rollatoren wurden wütend gerüttelt: «Jawohl. Wir gehen auf die Strasse... Wir gehen an die Fasnacht!»

Eine Stunde später sass Erika Schmid an ihrem Pult. Sie hielt sich stöhnend den Kopf: Die Alten waren plötzlich voller Feuer..., als ob ein zweites Leben in ihre verschrumpelten Körper eingehaucht worden wäre. Wie sollte sie diese armen Leute nur vor der grossen Enttäuschung bewahren, wenn die Luft dann draussen war... wenn die Pläne im Sand verliefen... hei nochmal, es war nicht schön, alt zu werden! Sie seufzte. Und betrachtete das Foto mit dem lachenden Burschen: ihr Rolf. Der hatte das Leben noch vor sich. Wo er jetzt wohl sein mochte? Und ob Julia immer noch bei ihm war? Rolf war ein Spitzentambour bei der Clique Rätz gewesen. Ein Fasnächtler bis in die Fingerspitzen. Doch dann wurde ihm die Stadt zu eng – «Ich will etwas Anderes, etwas Neues, Mam. Ich will nicht so scheissangepasst sein, wie alle hier.»

Es gab einen bösen Streit. Erika schrie ihren Sohn an. Er solle zuerst einmal etwas leisten, statt grosse Töne zu spucken und ... «Leisten! Leisten!», brüllte er zurück. «es gibt noch andere Werte im Leben!» Dann war er abgehauen – zusammen mit seiner Freundin Julia. Erika hatte nie mehr etwas von den beiden gehört. Immer vor der Fasnacht überkam sie ein stiller Hoffnungsmoment: «Jetzt kommt Rolf zurück, das zerreisst doch sein Bebbiherz, wenn er nicht mittrommeln kann ...» Und immer war sie enttäuscht worden.

In den nächsten Tagen brodelte es im Heim «Zur stillen Abendruh». Von Stille war kaum mehr die Rede! Und von Ruhe schon gar nicht.

Milli und Max waren bei den Vorbereitungen federführend: Die Heiminsassen würden – wie sie das von ihrem Vorbild, dem Rollator-Rösli aus dem Fernsehen kannten – auf ihre Wägeli gestützt auftreten. Und die «Schnitzelbängg» mit gehörigem Gerassel rhythmisch untermalen. Beim «Brocken-Hansi» an der Ecke hatten sie alte Larven und Kostüme gefunden. Als der Händler vom Plan der Senioren erfuhr, entschloss er sich für die grosse Geste: «Das schenke ich euch für die gute Sache. Dazu noch diese alte Pauke!» «NA BITTE!», schaute Milli triumphierend zu Max. «Das ist doch schon mal ein Anfang! Erna soll die Pauke schlagen. Sie wird zwar langsam senil. Aber sie hat Kraft und ihre Hände funktionieren noch!»

Wenn Erika Schmid sorgfältig den Enthusiasmus der Alten etwas zu dämpfen versuchte, wehrten die ab. Der alte Lehrer Max grinste: «Seien Sie keine Spassbremse, Frau Schmid. Wir schaukeln das Kind. Und wenn es vielleicht auch nichts bringt, so waren wir alten Säcke wenigstens nochmals voller Saft und Feuer – alleine schon dafür lohnt es sich!» Doch dann hätte sie das Problem der Mobilität fast ausgebremst! Die meisten Heim-insassen schafften gerade noch einen Spaziergang um den Block. Dann mussten sie wieder an die Sauerstoffflaschen. Oder Coramin schlucken. «Wir brauchen einen Wagen – wie diese Seibi-Bänggler einen haben», überlegte Max laut. «so ziehen wir dann als Mumienzug von Platz zu Platz...» «Und wo – bitte schön – bekommen wir so einen Wagen her? Das ist unmöglich! Ein Wagen kostet viel Geld », stöhnte Erika Schmid. - Schweigen.

Und erneut war es Milli, die die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wieder streckte sie sich in ihrem Rollstuhl gerade: «Lasst mich machen. Ich habe da noch Beziehungen aus besseren Zeiten», lächelte sie. Eine Woche später rollte Milli strahlend in den Speisesaal: «Wir haben die Fuhre – samt Traktor!» Auf ihrem Rock fehlte die Brosche mit dem grossen Rubin.

«Es gibt Wichtigeres als Schmuck an einem abgeschlafften Busen», erklärte sie später der Heimleiterin. Und dann leise:  «Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Freunde gefunden... So etwas kann man gar nicht bezahlen.» - Schliesslich kam der grosse Moment des Värsli-Strickens. Das war verflixt knifflig. Aber jeder brachte sich ein und gab sein Bestes. «UNS ALTE SOTT ME BHALTE!» – meldete sich die nun plötzlich zu poetischen Höhenflügen erwachte Erna. «Akkusativ!» – bellte der pensionierte Pauker Max. «UNS ALTI SOTT ME BHALTI ...? Nein. Das geht so nicht, lieber Max – und ein Akkusativ darf für die Fasnacht schon mal den Schwanz einziehen», kicherte Milli. Dann: «Bravo Erna ... das ist ein guter Start für einen Supervers!» «MER KÖNNES NIT BEGRYFFE REGIEERE DOO NUR PFYFFE!», summte Erna nun. Alle rasselten begeistert mit den Rollatoren.

«Der hinkt nirgends!», freute sich auch Max. Wieder Gerassel. Und «DR ROSCHTIGI RASSELHUFFE!», nickte Milli plötzlich. «So nennen wir uns – DR ROSCHTIGI RASSELHUFFE! Das trifft ins Schwarze!»

Der Fasnachtsmäntig war verregnet. Lustlos paradierten die Cliquen in ihren tropfenden Regenblachen am Comité vorbei. Plötzlich bog ein riesiger Wagen in den Cortège (Fasnachtsumzug) ein. Ein giftiges Rasseln weckte die Menschen am Strassenrand auf – eine Pauke donnerte, dass einem der Bauch vibrierte. Und: «MER SINN DR ROSCHTIGI RASSELHUFFE. LOOS JETZT ZUE– STATT FUUSEL Z SUFFE!», tönte es noch etwas zag. MIT JEDEM VERS ABER WURDEN DIE STIMMEN DER SENIOREN FESTER. UND DAS RASSELN DER ROLLATOREN NOCH LAUTER. Schon jagten die Fotografen zum Wagen mit den seltsamen Gestalten, die sich in zerlumpten Kostümen an den mit Papierschlangen und Plastikmimosen dekorierten Geh-Hilfen festhielten. «SI WÄNN UNS RASSELHUFFE SPALTE. DAS ISCH HALT S LOOS VO VYLNE ALTE!», krächzten die Stimmen. Und schon war auch das Fernsehen da. Der Reporter wollte von Erika Schmid wissen, um welches Sujet und welche Clique es sich handelte. Aber die Heimleiterin hatte andere Sorgen – sie sah, wie die alte Erna mit der Pauke zu schwanken anfing. Schnell holte sie die Sauerstoffflasche aus ihrem Reisesack: «Ich komme sofort wieder!»

Das Comité (offizieller Organisator der Basler Fasnacht) war etwas ratlos und fragte: «Wer ist der Zugchef ... Unter welcher Kategorie seid ihr angemeldet?» Doch nun hatte Erika wieder Zeit für den Fernsehreporter und die Comité-Frau, die ihr eine silbrige Plakette an den Mantel heftete: «Es ist so – das sind alles Menschen aus der stillen Abendruh. Die Stadt will das Altersheim aufsplitten und ...» Aber von wegen stille Abendruh: «AU WEMME ALT ISCH – KASCH DOO LEERE, MUESCH DI IMMER WIDER WEH-RE!», übertönte der Rollatoren-Chor selbst die Gülle-Gyxer-Guggemusig, die hinter dem Wagen mit dem Beatles-Hit «When I’m Sixty-Four» loslegte. Die Cortège-Zuschauer waren jetzt hellwach. Sie applaudierten begeistert der Senioren-Demo zu. -  Und plötzlich lachte auch die Sonne über dem Fasnachtsmäntig. «Selbst das Regenwetter habt ihr bezwungen, ich bin stolz auf euch!», flüsterte Erika Schmid der alten «Lady» im Rollstuhl zu. Vier Stunden später brachte der Traktorfahrer den Wagen mit der singenden Fracht ins Altersheim zurück. Zwei der Front Singer hatten zwar vor lauter Begeisterung die Zähne verloren, und in Ernas Paukenfell klaffte ein dunkler Schlitz, weil die Gute voller Feuer allzu fest draufgehauen hatte – aber nie hatte Heimleiterin Erika Schmid ihre Leute glücklicher gesehen als in diesem Moment, wo sie sich alle lachend in die Arme fielen: «Das war es wert!» Schon am Dienstagmorgen meldeten sich Reporter aus allen Teilen der Schweiz. Jeder wollte über «DR ROSCHTIGI RASSELHUFFE» berichten. Und als sich dann gar noch das Schnitzelbangg-Comité meldete, ob die Senioren-Clique nicht am grossen Schlussabend im Theater auftreten könne, da kannte die Begeisterung im Altersheim keine Grenzen mehr. Erika heftete die grosse Zugsplakette Milli an ihr Kleid. Und die lächelte nun in die Runde: «Tausend Mal schöner als meine Goldbrosche! Ich danke euch allen, dass ihr mitgemacht habt!» Die Rollatoren rasselten wild Beifall.

Am Donnerstag nach den 72 wildesten Basler Stunden, als es in der Stadt wieder ruhiger wurde und Erika Schmid an ihrem Bürotisch die Buchhaltung durchging, schellte das Telefon. Es schellte jetzt immer wieder. Menschen boten Hilfe an. Auch Geld. Das Schönste aber war ein Notar, der sich meldete. Er erklärte, ein Haus, wo die Alten noch so frischen Wind um den Fasnachtsgeist wehen lassen würden, sei «schützenswert». Er betreue eine Privatstiftung. Das Heim könne künftig mit der nötigen Subvention rechnen – er käme nächste Woche mit den Unterlagen vorbei. Und da war noch ein Telefon: «Mam – wir haben hier in Koh Samui alles mitbekommen übers Internet! Ihr seid Spitzenklasse!» Erika spürte, wie ihr Herz pochte. Sie schluckte: «Rolf – wo seid Ihr?» Ihr Sohn lachte in den Hörer: «Wir führen hier ein Bed and Breakfast. Läuft grossartig. Wir bauen schon aus – und nächsten Montag fliegen Julia und ich nach Basel. Zumindest für den Bummelsonntag reicht es noch..» Erika sass nun still an ihrem Pult. Immer wieder musste sie die Tränen abwischen. Sie war aufgewühlt. Und glücklich. Als sie nach einer Stunde zaghaft das Zimmer von Milli Lang betrat, um ihr zu berichten, dass das Heim weiter bestehen bleibe, da sass die «Lady» in ihrem Rollstuhl. Ihr Gesicht war wächsern. Aber ihre Lippen zeigten ein glückliches Lächeln. Erika schloss der alten Frau die Augen. Die Heimleiterin ging langsam in den Essraum. Sie musste der rostigen Rollatoren-Bande von all den Hochs und Tiefs der letzten drei Tage berichten – vom Schönen und Traurigen, wie es die Fasnacht und das Leben eben immer mit sich bringen.  –minu

Evang. Kirchgemeinde
Berneck-Au-Heerbrugg