Glockenklang schenkt Orientierung

Sonntagsartikel im «Der Rheintaler» 16.6.18

Verfasst von Pfarrerin Manuela Schäfer, Berneck Was die Glocken mit Dorf und dem Leben der Menschen verbindet
Das Läutewerk der Glocken braucht eine Revision. Die Techniker verursachen zu ungewohnter Zeit einige unregelmässige Schläge. Es dauert nicht lange, bis jemand aus dem Dorf da ist und fragt, was los sei. Geht die Uhr einmal zu sehr nach, passiert dasselbe. Die Kinder müssen sich beeilen. Wenn es Viertel vor acht schlägt, sind sie noch rechtzeitig dran, wenn sie am Kirchturm vorbeispazieren. Ertönt der Schlag zu spät, müssen sie ein Stück rennen, um noch pünktlich zu sein. Die Mesmerin läutet um 13 Uhr die Totenglocke. Läuten – Pause, das viermal hintereinander. Herr Heinrich ist verstorben. Diejenigen, die es hören und davon wissen, halten einen Moment inne. Unzählige Male hat das Herr Heinrich selbst getan, jetzt läutet die Kirchgemeinde für ihn. Eine Unterbrechung angesichts des Todes, eine Mitteilung an die Dorfgemeinschaft, dass eines ihrer Mitglieder nicht mehr lebt. Die Religionslehrerin erkundet mit ihrer Schulklasse die Kirche. Die Kinder steigen hoch in den Turm und sind fasziniert von den Glocken und ihrem tonnenschweren Gewicht. Die Alten erzählen, dass man früher sogar einen Wettbewerb daraus machen konnte, welche Kirche die grössten Glocken hat. Die Musikalischen merken sofort, wie fein sie aufeinander abgestimmt sind. Mancherorts tragen sie liebevolle Namen wie Gloriosa oder Susanna. Woanders haben sie biblische Inschriften und tragen mit ihren Klängen die Botschaft ins Land: O Land, Land, höre des Herrn Wort (Jeremia 22, 29). Glocken – für die einen ein Ärgernis und Störfaktor. Was diese als Lärm empfinden, ist für andere ein harmonischer Klang, eine unverzichtbare jahrhundertealte Tradition. In früheren Zeiten zeigten sie Gefahren an wie Feuer, Flut und andere Katastrophen, warnten vor kriegerischen Überfällen. Friede ist nun ihr Ruf, aber auch Protest. In Dortmund liess eine Pfarrerin die Glocken Sturm läuten, als Nazis ihren Kirchturm besetzten und Parolen hinunterbrüllten. Einer klagte sie nachher wegen Ohrenschmerzen an. Glocken – Erinnerung an Gottes Gegenwart, Unterbrechung im Alltag, Ruf zu Gottesdienst und Gebet, vertrauter Klang der Heimat, der fehlt, wenn man einige Tage weg von zu Hause ist. Verbunden mit Erinnerungen an die Hochzeit, die Taufe der Kinder. Die Glocken läuten das alte Jahr aus und das neue ein. Sie vertreiben die bösen Geister des Vergangenen und begrüssen freudig das Neue. Alles ist darin enthalten: «Wem die Stunde schlägt» (Hemingway) und «Süsser die Glocken nie klingen». Das brauchen wir Menschen und unsere Gesellschaft dringend. Manuela Schäfer (Pfarrerin in Berneck)

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