Bleigiessen oder die Hexe von Endor fragen

Der Sonntagsartikel im «Der Rheintaler» vom 30.12.17 verfasst von Pfarrer Jens Mayer, Balgach.
«Alle Jahre wieder», so heisst ein bekanntes Weihnachtslied. Aber es könnte auch die Überschrift für all die Rituale und Traditionen sein, die wir im Grossen und Kleinen zum Jahreswechsel zelebrieren.

Denn neben Weihnachten ist die Silvesternacht sicherlich das zweite Ereignis im Jahr, das nach relativ fest geprägten Ritualen vollzogen wird. Welche Rituale sich im Einzelnen genau ausgeprägt haben, kann durchaus unterschiedlich sein, aber meistens läuft der Jahreswechsel nach einem (fast) feststehenden Drehbuch ab. Neben all den kleinen und grossen Familienritualen gehört es sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum zum guten Ton, zu orakeln, was das kommende Jahr denn so alles bringen wird. Da werden Glücksbringer verteilt, da wird Blei gegossen und versucht, in die entstandenen Formen etwas zu interpretieren, da werden Wirtschafts- oder sonstige Weisen zu Rate gezogen oder es wird auch schlicht und ergreifend wild spekuliert.

Denn eigentlich wollen wir in unserer Neugier schon heute gerne erfahren, was uns das Morgen denn bringen wird. Entweder, um für die Zukunft gewappnet zu sein, oder einfach aus Neugier oder um im besten Fall die Zukunft zu unseren Gunsten zu verändern. Mit diesem Wunsch sind wir übrigens nicht alleine da. Schon immer und überall wollten die Menschen ihre Zukunft kennen und beeinflussen. Teilweise wurden dafür Tier- oder Menscheneingeweide interpretiert, die Runen geworfen oder ein Orakel befragt.

Und sogar in der Bibel ist von einer Wahrsagerin die Rede. Es handelt sich um die Totenbeschwörerin von Endor, die der König Saul aufsucht, damit sie ihm den Geist von Samuel beschwört. Der solle ihm dann Tipps für die nahe Zukunft geben. Doch leider hat es, wie bei den meisten Zukunftsbeschwörungen, mit Saul ein böses Ende genommen und er hat seine eigene Zukunft nicht verändern können.

Und es ist gut, dass nicht jede und jeder die eigene Zukunft so beeinflussen kann, wie es ihr oder ihm gerade passt. Denn dann würde die Welt wahrscheinlich in ein noch grösseres Chaos gestossen werden, als wir es heute schon vermögen.

Da halte ich mich stattdessen dann doch lieber an meinen Glauben, dass Gott mich begleitet und bewahrt und mir ein neues Jahr in seinem Sinne schenkt, mit allem, was da kommen mag. Denn egal, ob das neue Jahr mehr Gelingendes oder mehr Schieflaufendes bringt, ich darf getrost sein, dass Gott mich darin begleitet. Und das ist mehr, als ich in jedem Bleiguss hineininterpretieren kann.

 

Bildlegende: Auch in der Bibel ist die Rede von einer W£ahrsagerin. Jacob Cornelisz van Oostanen stellt im Jahr 1526 die Szene dar mit dem Gemäde «Saul und die Hexe von Endor». Es hängt im Rijks-Museum in Amsterdam. (Bild: Wikipedia)

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