Idylle in Frieden und Freiheit

Pfarrerin Manuela Schäfer über eine Begegnung im Kaffeetreff und die Suche nach einem Ort zum Leben
Er ist acht Jahre alt, vielleicht zehn. Ich habe seinen Namen vergessen. Meinen hat er ohne Probleme aussprechen können. Er kommt ohne seine Eltern in den Kaffeetreff. Höflich gibt er mir die Hand: «Nice to meet you.» Viel zu erwachsen für sein Alter redet er in gutem Englisch. Das hat er im Camp in Griechenland gelernt. Dort war er zunächst nach seiner Flucht aus dem irakischen Erbil. Ob ich Thomas, auch aus Deutschland, kennen würde, der sei im griechischen Lager freiwilliger Helfer gewesen? Kaffee möchte der junge Mann trinken, keinen Saft oder Tee, er könne gut schlafen, kein Problem. Aber er lässt sich überreden, etwas zu malen. Die kurdische Flagge fehle noch in der bunten Bildersammlung im Kaffeetreff. Ihr Grün spiegelt sich wider in der satten Wiese, auf der die Fahnenstange steht. Ihr Rot wird reflektiert von den vielen Blumen, die darauf wachsen, wie auch auf den Bergen. Sie wirken wie Lampions, die die Szene erhellen. Auch die Schweizer Fahne steht da. Ich muss ein bisschen helfen, damit keine dänische daraus wird. Aber das ist ja auch nicht so leicht. Menschen gibt es keine auf dem Bild zu sehen. Vielleicht würden sie nur stören. Ein Gebirgsbach rauscht von ganz oben ins Tal. Ein idyllisches Bild voll Frieden und Freiheit. Die Vögel fliegen in geordnetem Schwarm. Wo werden sie ihr Ziel erreichen? Die Sonne geht hinter den hohen Bergen auf wie in seiner Heimat auch. Ansonsten ist so vieles anders hier. Er möchte viel lernen, sagt unser junger Gast im Kaffeetreff, hätte gern noch mehr Unterricht. Es ist bei dieser einmaligen Begegnung geblieben. Was ist wohl aus ihm geworden? Ich muss nicht entscheiden, wie es für ihn weiter geht, andere schon. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er einen friedlichen Ort auf dieser Erde finden wird, an dem er zu Hause sein darf und sich so entfalten kann, wie er es verdient hat, wie jedes Kind dieser Erde. Und dass er wieder Kind sein darf und nicht ständig mit Erwachsenen verhandeln oder dolmetschen muss. Gleichzeitig sehe ich, welchen Weg er noch vor sich hat. Wo liegt sein Paradies? Wir Menschen auf dieser Erde haben es verloren. Wir haben uns daraus vertrieben und leben in einer Welt voller Gefahren. Manchmal träumen wir uns zurück, dahin, wo wir uns selbst sein dürfen. Paradiesische Orte helfen ein Stück weiterleben, auch wenn wir viel nicht ändern können. Manchmal braucht es dazu nur ein Stück Papier und einen Buntstift. Und eine Tasse Kaffee. (veröffentlicht im Rheintaler vom Samstag, 11.11.2017)

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