Wer bin ich?

Der Sonntagsartikel von Pfarrerin Manuela Schäfer über Herkunft und Identität
Als Jugendliche begann ich, Familienforschung zu betreiben. Viele andere teilen mein Hobby. Warum scheint das so faszinierend zu sein? Wahrscheinlich suchen wir alle zeitlebens nach dem, was wir sind, was uns ausmacht.

Einiges, was wir in unserer näheren oder weiteren Familie vorfinden, sehen wir gerne, weil wir uns darin bestätigt fühlen und Ähnlichkeiten mit uns selbst feststellen. Und so tauchten auch bei mir unerwartet einige Pfarrer auf. Ein ferner Urahn wanderte aus der Schweiz in meine hessische Heimat ein. Ein Hugenotte floh aus Glaubensgründen aus Frankreich und fand ebenfalls dort Aufnahme. Trockene Geschichte wird lebendig in der eigenen Abstammung und bringt so manche Überraschungen mit sich.

Eine Pfarrkollegin aus den USA stellte unvermittelt fest, dass ihr Vater jüdischer Abstammung ist. Nie wurde zu seinen Lebzeiten ein Wort darüber geredet. Familiengeheimnisse treten so zutage, die unbemerkt und unbewusst weiter gewirkt haben. Ein Bekannter erfuhr aus den Aufzeichnungen im Kirchenbuch, das die Sterbefälle dokumentiert, dass eine Vorfahrin durch Suizid gestorben war. Obwohl dies mehrere Jahrhunderte zurücklag, war er tief betroffen über die herzlose Bemerkung, die der Pfarrer darüber machte: „Wurde vor den Friedhofsmauern verscharrt.“ Und ich frage mich, wie es damals wohl jenen Frauen erging, die unverheiratet ein Kind bekamen oder einen Partner der jeweils anderen Konfession heirateten. Manche Menschen wären erstaunt, von Schicksalen aus der eigenen Herkunft zu erfahren. Im besten Fall macht es uns bescheiden und demütiger im Urteil über andere.

Aber zum Glück leben wir nicht in der Vergangenheit und sind nicht auf unseren Stammbaum festgelegt. Wir haben unser eigenes Dasein, das wir gestalten dürfen. So kommt zur Frage nach unserer Identität eine grosse Freiheit und Gelassenheit, wie es der 139. Psalm ausdrückt, der sich an Gott wendet: „Du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele.“

Wir bekommen ein Bild von uns selbst in unserer Gottesbeziehung, durch die Begegnung mit dem Gegenüber. So wird manches andere unwesentlicher und sogar quälende Fragen nach dem eigenen Ich verstummen. Dietrich Bonhoeffer hat es in einem Gedicht folgendermassen gefasst: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Veröffentlicht im Rheintaler vom 17.6.2017

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