Jeder kann singen

Pfr. Jens Mayer aus Balgach im Sonntagsartikel über die Fähigkeit eines jeden Menschen, sich durch Töne auszudrücken
Für die allermeisten Gottesdienste und Gemeindegruppen gehö­ren sie dazu, werden gesungen, gesummt und fröhlich mitgeschmettert: die Gemeindelieder. Ohne ein passendes Lied zu Beginn und am Ende kommt kaum eine Krabbelgruppe aus, das Mitsingen gehört bei der Kinderkirche und bei Seniorennachmittagen zum festen Programm – und ein Gottesdienst ohne Gemeindegesang wäre eine ziemlich trockene und trostlose Angelegenheit.
Auch gesamtgesellschaftlich hat das Lied einen extrem hohen Stellenwert. Kein Länderspiel ohne Nationalhymne (übrigens als Kirchenlied in allen Gesangbüchern vertreten), keine Party ohne Musik, kaum ein jüngerer Mensch, der ohne Ohrstöpsel unterwegs ist. Auch da wird geträllert, gesungen und mitgesummt. Lieder und Liedgut werden extrem geschätzt. Umso erstaunlicher finde ich es dann immer wieder, wenn Leute bei Taufen, Hochzeiten, Abdankungen oder einfach in Gottesdiensten schweigen. Auf Nachfrage sagen sie dann oft: «Ach wissen Sie, Herr Pfarrer, ich kann nicht singen.» Das halte ich für eine im wahrsten Sinne des Wortes ziemlich faule Ausrede. Jeder Mensch kann singen. Und im Gesang ist möglich, was im Schwatz nie geht, dass viele Menschen gleichzeitig etwas aussagen und es auch noch harmonisch klingt. Denn Lieder wecken in uns Emotionen, lassen uns Freude, Trauer, Glück, Schmerz oder Liebe empfinden. Sie rühren uns zu Tränen oder bringen uns zum Lachen. Lieder schweissen zusammen und wecken ein Gruppengefühl, an dem man aktiv beteiligt sein kann.
Und das ist wahrscheinlich die Krux des Liedes: Wir verbinden so viele Emotionen und Erinnerungen mit bestimmten Melodien, dass wir Angst haben, sie zu verhunzen oder zu zerstören. Und weil jedes Lied eben eine eigene Melodie hat, haben wir oft Angst, uns lächerlich zu machen, wenn wir die Töne nicht zu hundert Prozent treffen. Die anderen könnten ja hören, dass ich nicht so gut singen kann.
Doch ich möchte gerade diesen Personen, die meinen, sie könnten nicht singen, Mut machen. Trauen Sie sich und stimmen Lieder an. Nicht nur im Gottesdienst oder in der Kirche, nicht nur privat in der Küche oder beim Kind am Bett. Als wir in unserer Gemeinde neulich einen Ad-hoc-Chor für eine Einzelprobe auf die Beine stellen mussten, kamen einige zum ersten Mal dazu, in einer Gruppe zu musizieren. Sie hatten sich vorher als absolut unmusikalisch bezeichnet. Das Leuchten in ihren Gesichtern am Ende der Probe hat mich aber dann doch bestätigt: Es kann wirklich jeder singen – und auch noch Freude dran gewinnen.

veröffentlicht im Rheintaler vom 10.6.2017 (Bild: depositphotos/nimblewit)

Informationen/ Quicklinks

  • A-Treff
    für Menschen in materiell schwierigen Situtationen 
  • Erlebnisprogramme
    Ergänzungsangebot für Jugendliche der 1. und 2. Oberstufe
  • Aktuell 
    Angebote unserer regional zusammengeschlossenen drei Kirchgemeinden 
  • Kirchenbote
    Regionalausgaben und Archiv 
  • Links
    direkte Clicks zu Partnern