Wem kann man noch trauen

Der Sonntagsartikel im «Der Rheintaler» vom 14.1.17 verfasst von Pfarrer Andreas Brändle, Diepoldsau
Stellen Sie sich vor, ein Mann geht in einen Laden. Er möchte einen Liter Milch kaufen. Er geht durch den Laden zu den Milchprodukten. Er zögert und bleibt stehen.

Der Kühlschrank mit Milch, Käse, Joghurt, Butter ist verschlossen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Er geht zur Kasse, Die Verkäuferin weigert sich zunächst, den Schrank zu öffnen. Endlich kann der Kunde sie überreden. Eher missmutig rafft sich die Verkäuferin auf und entnimmt persönlich dem Kühlschrank eine Packung Milch. Aber damit ist das Problem noch nicht gelöst. Nun entsteht eine längere Auseinandersetzung zwischen der Verkäuferin und dem Kunden, ob nun erst der Käufer die Milch oder erst die Verkäuferin das Geld bekommen soll. Keiner bewegt sich. Nach langem hin und her einigen sie sich, dass beide gleichzeitig ihren Teil des Deals auf den Ladentisch legen.

Diese eigenartige Szene hat der Ökonom Tim Harford in einer Fachzeitschrift veröffentlich. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft ohne Vertrauen. Seine These lautet: Ohne Vertrauen gibt es keine Zusammenarbeit. Ohne Vertrauen klappt nicht einmal das simple Zusammenleben. Ohne Vertrauen geht gar nichts.

Es ist eine wichtige Entscheidung im Leben: Wem traue ich? Wer im Leben  Eltern erleben durfte, denen er trauen konnte, der wird es sicher einfach haben, anderen Menschen zu trauen, wer nicht, hat es schwieriger.

Jugendliche haben ein besonderes Sensorium dafür, wem sie vertrauen wollen. Jede Lehrperson weiss das. Am Anfang eines Konfirmandenkurses mache ich jeweils vertrauensfördernde Spiele. Eines geht so: Die Jugendlichen müssen sich einem anderen mit verbunden Augen anvertrauen. Der führt sie über verschiedene Hindernisse hinweg, die alle blindlings überwunden werden müssen. Dadurch lernen sie einender vertrauen. Ein weitere Übung ist, dass sich ein Jugendlicher auf einen Stuhl stellt, und alle anderen stehen dahinter und strecken die Arme aus, dann lässt er sich ungeschützt nach hinten in die Arme der Kolleginnen und Kollegen fallen. Das erfordert viel Mut und Vertrauen. Übrigens auch von der Lehrperson.

Wem kann ich noch trauen? In einem Buch habe ich vier Kriterien gefunden, warum und wann ich vertrauen verdiene, oder umgekehrt, wem ich vertrauen kann. Demnach kann ich vertrauen, erstens, wenn jemand sein Wort hält. Ich mache die Erfahrung, dass einer tut, was er sagt, verlässlich ist und nicht immer leere Versprechungen macht. Ich kann vertrauen, wenn jemand die Wahrheit sagt. Ich werde nicht angelogen. Ich kann vertrauen, wenn jemand authentisch ist. Die Person lässt sich in die Karten schauen. Ich kann jemandem vertrauen, wenn die Person grosszügig ist, ohne Bedingungen zu stellen. Also: Jemand hält sein Wort, sagt die Wahrheit, ist authentisch und grosszügig. So erwerbe ich Vertrauen, und umgekehrt: so jemandem darf ich trauen.

Übrigens: Jesus hat immer wieder gesagt: Dein Vertrauen hat dich gerettet!

Alles Gute im Neuen Jahr!

Ihr Pfarrer Andreas Brändle

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