Weihnacht ohne Absage

Der Sonntagsartikel im «Der Rheintaler» vom 3.12.16 verfasst von Pfarrerin Manuela Schäfer, Berneck:
Letztes Jahr hat eine deutsche Supermarktkette einen Werbespot herausgebracht, der immer noch für Furore sorgt. Ein alter Herr bekommt von seiner Familie nur Absagen auf seine Einladungen zum Weihnachtsfest.

Jahr für Jahr sitzt er allein beim Nachtessen, bis er zum Äussersten greift. Er schreibt seine eigene Todesanzeige. Seine Kinder unterbricht die Nachricht in ihrem Alltagstrott als Familienfrau, weitgereister Manager und Arzt. Die Familie findet sich erschrocken und traurig im Haus des Vaters ein. Doch in der Wohnstube mit dem Tannenbaum brennt das Licht, der Tisch ist gedeckt. Der Vater tritt hinter der Türe hervor. „Wie hätte ich es denn sonst schaffen sollen, euch alle zusammen zu bekommen?“ fragt er hilflos und leicht schuldbewusst. Die Täuschung ist bald vergeben, die Familie feiert wiedervereint das Festmahl.

Viele, die die Werbesendung sehen, sind zu Tränen gerührt. Fast könnte man vergessen, dass hinter dem Spot knallharte Werbestrategen stehen, die unsere Gefühle ausnutzen, um uns zum Konsum anzuregen. Vieles bleibt offen. Seinen eigenen Tod vorzutäuschen ist kein Spiel, um andere Menschen zu manipulieren. Hat der alte Herr wirklich vorher deutlich genug versucht zu sagen, wie sehr er sich einen Besuch wünscht? Und welche Möglichkeiten hat er noch, die Feiertage so zu verbringen, dass auch er Gemeinschaft und Festtagsfreude erleben kann? Neben den Gottesdiensten bieten auch einige Kirchgemeinden ein Beisammensein am Heiligen Abend an. Nachbarn und Bekannte trauen sich vielleicht nur nicht, eine Einladung auszusprechen, da wir allzu oft den Eindruck erwecken, uns fehle nichts und wir bräuchten niemand. Und schliesslich braucht ein Weihnachtsfest allein nicht trostlos sein. Gute Musik hören im Kerzenschein, einige Telefonate mit lieben Menschen, ein einfaches und feines Mahl, in einem Buch schmökern… Weihnachten wird es nicht nur im Trubel vieler Menschen. Es ist das Fest derer, die von sich aus eigentlich keinen Grund haben zu feiern. Jesus kommt in die Welt als Licht ins Dunkel. Nichts ist perfekt, nichts gut vorbereitet, nichts harmonisch. Ein schreiendes Kind, unterwegs im Stall geboren, in Windeln gewickelt und in einer Futterkrippe liegend. Die Freude darüber, dass Gott zur Welt gekommen ist, hängt nicht von den äusseren Umständen meiner Feier ab. Vielleicht kann dieses Geheimnis in der Stille und Einsamkeit besonders leuchten. Vielleicht kann ich dann besonders gut spüren, wie diese Nacht auch meine Nacht verwandelt. (MS)

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